Archiv der Evangelisch-lutherische Dreikönigsgemeinde, Frankfurt am Main - Sachsenhausen
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Predigten von Pfarrer Phil Schmidt: Matt. 25, 1 – 13 Loslassen

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'Innisfree', 2006, Maelor

Ewigkeitssonntag

Loslassen Matt. 25, 1 – 13

Predigt gehalten von Pfarrer Phil Schmidt 2009

Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde. Matt. 25, 1 – 13

Es wird von einem Mönch erzählt, der sein Leben als Einsiedler auf einer kleinen Insel in Irland verbrachte, die Innisfree heißt. Diese Insel war für ihn ein Vorgeschmack des Himmels. Als er merkte, dass er bald sterben würde, bat er seine Freunde, ihn aus dem Haus zu tragen und auf den Erdboden zu legen. Unmittelbar vor seinem Tod griff er nach der Erde und hielt sie fest in seiner Hand: so fest, dass die Erde nicht mehr aus seiner Faust zu entfernen war. Und so wurde er beerdigt: er nahm die Erde seiner geliebten Insel mit in das Grab.

Danach kam er an die Himmelspforte. Petrus begrüßte ihn und sagte: „Komm herein, mein Freund, wir haben auf dich gewartet...aber zuerst musst du diese Handvoll Erde loslassen.“ Der Mönch erwiderte: „Niemals“. Daraufhin ließ ihn Petrus vor der Himmelspforte stehen.

Nach einigen Jahren kam Petrus zurück; diesmal begleitet von dem heiligen Patrick, der Apostel und Patron von Irland. Der Einsiedler war überwältigt, als er Patrick sah. Die Beiden setzten sich zusammen hin und redeten über die alte Heimat. Nach einer Weile stand Patrick auf und sagte: „Du solltest mit mir in das Himmelreich eintreten: es gibt wunderbare Überraschungen, die extra für dich vorbereitet wurden. Aber zuerst musst du die Erde loslassen, die du in deiner Hand festklammerst.“ Der Eremit aber hielt die Erde fest und bleib draußen.

Nach einigen Jahren kam Petrus noch einmal zurück. Diesmal war der Herr selbst dabei. Der Herr schaute den alten Mann freundlich an und sagte: „Komm herein, mein Sohn; wir vermissen dich. Wir haben etwas Besonderes für dich vorbereitet.“ Jetzt hatte der Alte keine Widerstandskraft mehr. Er stand auf und ließ sich durch die Himmelspforte führen. Er hatte keine Kraft mehr, die Erde festzuhalten und sie fiel langsam aus seiner Hand. Als er durch die Pforte ging, konnte er seinen Augen nicht trauen: er sah seine geliebte Insel Innisfree – aber in himmlischer Herrlichkeit verklärt, tausendmal schöner als sie vorher war.

Diese Geschichte enthält eine Botschaft. In jedem Leben gibt es Zeitpunkte, in denen ein Mensch gefordert wird, etwas loszulassen. Es ist unvermeidbar, dass jeder von uns im Laufe eines Lebens Verluste erleidet. Wie es in dem Römerbrief heißt: „Alles ist der Vergänglichkeit unterworfen.“ Am schwersten ist es, etwas Geliebtes oder Vertrautes zu verlieren.

Viele von Ihnen, die Sie hier versammelt sind, haben in diesem Jahr erlebt, wie es ist, eine geliebte Person preiszugeben. Sie haben erlebt, wie schwer es ist, loszulassen. Denn in den ersten Momenten nach dem Tod eines geliebten Menschen gibt es eine Weigerung, irgendeinen Trost zu akzeptieren. Wie es im Psalm 77 heißt: „Meine Seele will sich nicht trösten lassen.“ Diese Reaktion ist vollkommen normal, notwendig und gesund. Tiefe Trauer muss ausgehalten werden und es darf keine voreilige Suche nach Trost geben. Es ist auch völlig legitim, in Trauer zu bleiben – bis an das Lebensende, wenn man will – denn Trauer ist ein Ausdruck der Verbundenheit.

Aber irgendwann kommt ein Wendepunkt, wo es darum geht, die Trauer Gott anzuvertrauen, ehe sie giftig wird. Es geht darum, das Verlorene vertrauensvoll in die Hände Gottes zu geben, ehe eine bösartige Verbitterung sich ausbreiten kann. Es geht um ein vertrauensvolles Loslassen.

Es gibt z. B. einen Kaufmann, der ein bewusst gläubiger Christ ist, der in kurzer Zeit schwere Rückschläge erlitten hatte. Zuerst ist seine junge Frau gestorben. Zwei kleine Kinder musste er danach allein aufziehen. Später verlor er seinen Arbeitsplatz und danach seine Wohnung. Um diese Verluste etwas auszugleichen, musste er sein Auto verkaufen. Es gibt Menschen, die in seiner Situation verbittert wären und an der Güte Gottes zweifeln würden. Aber nach all diesen Schlägen sagte er zu einem Freund: „Wenn ich auf diese Leidenszeit zurückschaue, bestehe ich trotzdem darauf, dass Gott keine Fehler macht.“ Diese Aussage deutet auf eine Willensentscheidung: er hat sich dafür entschieden, Gott zu vertrauen, dass er alles richtig machen wird.

Sein Bekenntnis lautete: „Gott macht keine Fehler“. Diese Aussage klingt fast abergläubisch, als ob er damit sagen wollte, dass Gott für seine Verluste verantwortlich wäre. Das wäre aber eine unbiblische Denkweise. Es geht darum, alles, was man verloren hat, Gott anzuvertrauen – in der Erwartung, dass er aus dem scheinbar Sinnlosen etwas Herrliches schaffen wird. Die Alternative zu Vertrauen ist Verbitterung. Verbitterung ist giftig und tödlich. Vertrauen öffnet Tore.

Und das bringt uns zu dem Evangelium, das für heute vorgesehen ist. Die sogenannten klugen Jungfrauen hatten Lampen, die nicht ausgegangen sind, weil der Ölvorrat ausreichend war. Für sie ging die Tür zum Festsaal auf. Die unklugen waren kurzsichtig und waren auf eine längere Wartezeit nicht vorbereitet.

Ein Gleichnis Jesu hat immer nur einen einzigen Punkt, um den es geht. Es geht hier um die Perspektive, mit der ein Mensch lebt. Was sehe ich als meine Bestimmung? Bin ich zuletzt für Grab und Vernichtung vorgesehen oder bin ich für etwas Größeres bestimmt? Es gibt eine Menge Leute, die sagen: ich kümmere mich nicht um Dinge wie Tod und Ewigkeit. Wenn es so weit ist, lass ich mich überraschen. Diese kurzsichtige Haltung kann aber keiner Krise standhalten.

Damit kein Missverständnis entsteht: es geht hier nicht um die Frage, wer in den Himmel kommt und wer nicht. Es geht jetzt nicht darum zu behaupten: wer sich um seinen Glauben nicht kümmert, der wird zuletzt aus dem Himmel ausgeschlossen. Eine solche Behauptung wäre eine falsche Auslegung des Gleichnisses von den 10 Jungfrauen. Der Eintritt in die ewige Herrlichkeit Gottes ist eine reine Gnade und ist keine Belohnung für diejenigen, die ihren Glauben pflegen.

Aber es gibt trotzdem die Möglichkeit, eine Hölle auf Erden durchzumachen, ehe die Himmelstür zuletzt aufgeht. Wer sich Gott nicht anvertrauen will, wird sich selbst in eine Finsternis versetzen. Wie es in dem Gleichnis heißt:

Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.

Es geht darum, hier auf eine Gefahr hinzuweisen. Wer sich um die Beziehung zu Gott nicht kümmert, wer Gott nicht kennt, lebt in der Gefahr, dass eine Verstockung eintritt. Wer zu lange in der Finsternis sitzt, wer zu lange in Misstrauen ausharrt, wer seine Verbitterung nicht loslassen will, schließt eine Tür zu und verriegelt sie. Ein solcher Zustand ist vergleichbar mit dem Zustand des Einsiedlers vor der Himmelspforte, der in die Herrlichkeit nicht einziehen konnte, weil er die Erde seiner Heimatinsel nicht loslassen wollte.

Das Öl, das die klugen Jungfrauen in ausreichendem Vorrat hatten, ist die anhaltende Bereitschaft, Gott in allen Umständen zu vertrauen und alles loszulassen, was die Beziehung zu Gott betrübt.

'St. Johns Point, Donegal, Ireland', 2005, Jon Sullivan

Das Loslassen sieht wie Verlust aus. Aber in Gott geht nichts verloren, sondern in Gott wird das scheinbar Verlorene in Herrlichkeit verklärt. Zuletzt sind wir für eine Herrlichkeit vorgesehen, die alles überstrahlt, was wir jetzt kennen. Paulus beschreibt diese jenseitige Zukunft mit den Worten: „eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit“. Das, was wir loslassen, ist vergänglich, das, was uns bevorsteht, ist unvergänglich. Je schneller wir jetzt loslassen, um so schneller können wir Finsternis und Verbitterung verlassen und das Ewige ergreifen. Denn ewiges Leben soll nicht erst nach dem Grab anfangen, sondern schon jetzt.

Wenn wir das Brot des Abendmahls empfangen, empfangen wir ein Stück ewiges Leben. Und so wie wir zum Tisch des Herrn mit leeren Händen kommen, so kommen wir zuletzt mit leeren Händen in die Anwesenheit Gottes, damit er sie füllen kann. Möge Gott uns helfen, alles loszulassen, was die Verbundenheit mit ihm beeinträchtigt, damit wir hier und heute das ewige Leben ergreifen.

Die Photographie 'Innisfree', 2006, Maelor, wurde von ihrem Urheber zur uneingeschränkten Nutzung freigegeben. Diese Datei ist damit gemeinfrei („public domain“). Dies gilt weltweit.
Die Photographie 'St. Johns Point, Donegal, Ireland', 2005, wurde von Ihrem Urheber zur Jon Sullivan zur uneingeschränkten Nutzung freigegeben. Diese Datei ist damit gemeinfrei („public domain“). Dies gilt weltweit.

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